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Die vorliegende Website bietet logbuchartig Hintergrundinfos zu einigen laufenden ch-Projekten:
2012
steht wieder im Zeichen eines umfangreicheren visuell-poetischen Projekts, diesmal herausgegeben gemeinsam mit Jörg Piringer:
Visuelle PoetInnen aus möglichst vielen Weltgegenden werden dazu eingeladen, einen visuell-poetischen Blick auf den Globus zu entfalten.
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2011
erschien der Sammelband „Paragramme”. 42 AutorInnen nahmen daran teil, dafür ganz großes Danke!
Es sind dies: Armin Baumgartner, Katja Beran, Marietta Böning, Theo Breuer, Christoph Bruckner, Gerlinde File, Petra Ganglbauer,
Florian Gantner, Thomas Havlik, Wolfgang Helmhart, Regina Hilber, Christine Huber, Peter Huckauf, Gerhard Jaschke, jopa, Mark Kanak,
Christian Katt, Ilse Kilic, Magdalena Knapp-Menzel, Richard Kostelanetz, Stefan Krist, Robert Krokowski, Manuela Kurt, Axel Kutsch,
Peter Marwitz, Wilfried Öller, Helga Christina Pregesbauer, Sophie Reyer, Claudio Rodriguez Lanfranco, Gerhard Rühm,
Angelika Schröder, Birgit Schwaner, Gunther Skreiner, Hartmut Sörgel, Lisa Spalt, Petra Johanna Sturm, United Queendoms,
Günter Vallaster, Fritz Widhalm, Daniel Wisser, Irene Wondratsch und Andrea Zámbori.
Aus der Projektbeschreibung „Paragramme” (Arbeitstitel) von Günter Vallaster:
Das Anagramm kennt jede/r, das Lipogramm zumindest InsiderInnen, doch wer kennt das Paragramm? Dabei ist die Vermutung
nicht unberechtigt, dass seine Häufigkeit mit der des Ana- und Lipogramms nicht nur mithalten kann, sondern die beiden sogar überflügelt,
handelt es sich doch dabei um „eine scherzhaft-komische Verfälschung eines Namens oder Wortes durch den Austausch eines oder mehrerer Buchstaben”, wie die wikipedia
im Kern richtig, aber in der Formulierung höchst fragwürdig, da geringschätzig vermerkt: „scherzhaft-komisch” sei an dieser Stelle durch „ästhetisch-poetisch”
mindestens ergänzt, „Verfälschung” durch „Veränderung” ersetzt, „Name” unter „Wort” gefasst. Präziser, aber nicht unbedingt estimierender behandelt Underwood Dudley
das Paragramm, dem er in „Die Macht der Zahl” (Basel: Birkhäuser 1999) immerhin ein Kapitel widmet, allerdings, wie es scheint, allein zu dessen Demontage:
„Es ist das Schicksal von vielen Dingen, eine kürzere oder längere Blütezeit zu haben und dann wieder zu verschwinden. Gassenhauer, Schachprobleme, bei denen weiß am Zug ist und man in
sechs Zügen ein Matt erreichen soll, Sechstagerennen, sechsteilige Fugen oder Hula-Hoop-Reifen - alles ist vergangen, alles Schnee von gestern, obwohl es größere Zeiten gegeben hat. In diesem Kapitel
möchte ich eine niedere Kunstform beschreiben, das Paragramm, die dasselbe Schicksal erlitten hat.
Es hat seine Ursprünge in der Gematrie und blühte nur eine derart kurze Zeit, nämlich weniger als zweihundert Jahre lang, auf einem derart begrenzten Raum, nämlich meines Wissens nach nur in Deutschland,
dass es nicht nur vollständig in Vergessenheit geriet, sondern selbst während seiner Blüte nicht weit verbreitet war. (...) Das Wort Paragramm stammt vom griechischen ‚paragramma’, Zusatz, und bezeichnet
ursprünglich eine Buchstabenänderung in einem Wort oder Satz, durch die ein anderer, durchaus komischer Sinn entstehen kann, wie zum Beispiel Biberius für Tiberius. Ähnliche Witze finden wir auch heute
noch. ‚Wohin fahren die Blondinen dieses Jahr in Urlaub?’ - ‚An die Viagra-Fälle.’” (Underwood Dudley, Die Macht der Zahl, S. 129)
Die Mission lautet somit: Rettung und Rehabilitierung des Paragramms! In allen erdenklichen vokalischen und/oder konsonantischen Dimensionen. Dem Paragramm freundlich Gesinnte gibt es indes durchaus auch,
das sei zur Ermutigung nicht verschwiegen: Ferdinand de Saussure verstand darunter ursprünglich „sämtliche Spielarten von lautlicher Imitation eines Leitwortes aufgrund von Polyphonen”, um daraus überhaupt
eine paragrammatische Konzeption der Sprache, zumindest der poetischen, abzuleiten (Zitiert nach: Peter Wunderli: Ferdinand de Saussure und die Anagramme. Tübingen: M. Niemeyer 1972). Möglicherweise betrifft die Seltenheit lediglich die Bezeichnung
„Paragramm”, die en passant ins Bewusstsein zu rücken und in ihrer begrifflichen Extension zu schärfen auch ein Projektziel ist, aber nicht das primäre: Vielmehr geht es darum, vielfältige poetische Möglichkeiten des Paragrammes
auszuloten und in einem Buch zu versammeln, dessen Erscheinen 2011 in der edition ch geplant und vorgesehen ist.
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2010
war das Jahr der visuell-poetischen Anthologien Ein Alphabet der Visuellen Poesie und Ein Polylog der Visuellen Poesie, letztere mit
insgesamt 20 russischen und deutschsprachigen Beiträgen zum Thema „Grenzüberschneidungen” herausgegeben gemeinsam mit Juliana V. Kaminskaja (St. Petersburg).
Beim Alphabetbuch wurden 57 AutorInnen dazu eingeladen, einen Buchstaben nach Wahl visuellpoetisch umzusetzen, wodurch
ein vielschichtes und vielfältiges Alphabet der visuellen Poesie entstand. Die Beiträge konnten bislang im Rahmen der Veranstaltung „20 Jahre edition ch”
in der Alten Schmiede (Wien) und beim Feldkircher Lyrikpreis (Theater am Saumarkt, Foyer) wandprojiziert werden.
In der Alten Schmiede wurden auch folgende
„6 Thesen zu einem Alphabet der Visuellen Poesie”
von Günter Vallaster vorgestellt:
A wie A - Am Anfang war das A. Das A gewann die Wahl, was die Quantität betraf. Überraschend, aber nicht verwunderlich. Überraschend, weil lange kein A kam. Das heißt, ich bekam lange kein A zugesandt. Ich habe mich schon gefreut: Ein Alphabet ohne A!
Aber dann, der Einsendeschluss war schon ziemlich nah, kam das A geballt. Ein All aus A. Verwunderlich war es nicht: Ist doch das A ein buchstäblich tragender Buchstabe des Lebens.
Vom Säuglings-A bis zum Sterbe-A. Dazwischen das A des Staunens, der Wohltat, der Lust. Das A des Schmerz. Das A des Lachens, das A des Weinens. Auch im Alphabetbuch ergab das A in Summe auch einen kleinen Lebenslauf.
Das führt zu B wie Bedeutungsfelder: Dem - auch - Lebenslauf A, von Valeri Scherstjanoi, Angelika Kaufmann, Marietta Böning, Kerstin Lichtblau, elffriede.i.a., Erika Kronabitter, Magdalena Knapp-Menzel, folgt ein
körperliches B (Leopold Spoliti, Günther Kaip). Das H (Hannah Sideris, Jörg Zemmler, Wolfgang Helmhart) beispielsweise ist - auch - labyrinthisch, aber jeweils ganz unterschiedlich gelöst.
I wie Initiatlist/innen und L wie Lettrist/innen - Es war interessant zu beobachten, dass sich im Laufe der Zusendungen der Arbeiten gewissermaßen 2 Fraktionen herausbildeten: Ich nenne sie zum einen die InitialistInnen:
Diese wählten die Intialen ihres Vor- oder Nachnamens oder einen tragenden Laut ihres Namens. Die zweite Gruppe, eben die LettristInnen, wählten einen anderen Buchstaben.
S wie Subtext, Subalphabet und Scharnierbuchstaben - Es lag auf der Hand, dass die Aufgabenstellung, die Festlegung auf einen Buchstaben, eine Unterwanderung geradezu herausforderte.
So ist vielen Beiträgen zumindest ein zweiter Buchstabe eingeschrieben, wodurch sich übers Buch gesehen auch ein Subalphabet zeigt. Es muss aber dazugesagt werden, dass dies durch die Formulierung
„die Arbeit kann, aber muss nicht aus einem einzigen Buchstaben bestehen, aber der gewählte Buchstabe sollte zumindest leitmotivisch erkennbar sein” in der Aufgabenstellung durchaus
als Möglichkeit einkalkuliert war. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit von Petra Ganglbauer, ihr deutliches P begleitet ein filigraner S-Schatten. Aus Fritz Widhalms Q lacht ein roter U-Mund.
elffriedes A wird getragen von einem M in der Hand. Manche Arbeiten entzogen sich vexierbildhaft einer eindeutigen Zuordenbarkeit auf der Alphabetstrecke, da sich ihr Doppelcharakter oft aber
auf den Nachbarbuchstaben bezieht, konnten sie gleichsam als Scharnierbuchstaben genau an den Übergangsbereich von einem zum nächsten Buchstaben gesetzt werden. Beispiele sind das P, das auch ein
Q ist von Jörg Piringer oder die Arbeit zum Buchstaben F mit dem Titel „Ohne g” von Axel Kutsch oder das X von Sonja Tollinger und Nikolaus Scheibner, das aus Y, G und S besteht. Manche, es sei nicht verschwiegen,
sandten mir auch zwei oder mehr Buchstaben zu, hier überließ ich die Wahl dem Zufall oder ich verwendete den jeweils im Buch noch unterrepräsentierten Buchstaben oder ich hielt noch einmal Rücksprache.
Z wie Zug zum Vokal - Der Trend der Wahl ging Richtung Vokal. Die Visuelle Poesie klingt und singt. Aber es sind die dunklen Vokale, zu denen es eine Mehrheit zog.
U und O. O der Wasservokal (Helga Pregesbauer, Matthias Schönweger), O der Weltvokal (Christian Katt, Luc Fierens). Ferner das E, nach Ilse Kilic „im Deutschen der häufigste Vokal”, den sie als „Vokal
der Verbindlichkeit” betrachtet, der „das Sprechen zusammenhält”. Das I - trotz oder gerade wegen seiner starken visuellpoetischen Tradition, man denke an Kurt Schwitters´ I-Gedicht - lies: rauf runter rauf, Pünktchen drauf
oder an einige Arbeiten von Gerhard Rühm - und von mir in viel größerer Anzahl vertreten erwartet, wurde nur einmal gewählt, und zwar von Lisa Spalt. Auch bei den Konsonaten gab es einen Trend zu den stimmhaften und eher dunklen
wie V und W. Zu den Konsonanten muss gesagt werden, dass es ja derer mehr gibt und interessant ist, dass sie tendenziell gleichmäßig verteilt vertreten sind. Rhythmisch und gegenständlich die stimmlosen wie das T von
Manuela Kurt, die das kritische Potential darin aufgriff: Teilen macht Spass. Beide Arbeiten zum gutturalen G thematisieren Verschwinden: eingepackt von Petra Johanna Sturm, sehen Sie sich doch dieses G an,
welche Pracht von Gerhard Jaschke, es folgt eine weiße Fläche. Konsonanten wurden manchmal auch über Kontexte gesetzt, die weißen Rahmen, so das F von Ingo Springenschmid und das H von Jörg Zemmler, das W von Angelika Schröder.
Postskriptum: H wie Heinz und G wie Gappmayr. Es war etwas ganz Besonderes, dass Heinz Gappmayr an diesem Projekt mitwirkte. Und es machte natürlich besonders betroffen, dass er das Projektergebnis nicht mehr sehen konnte. Das Buch befand sich gerade im Druck. Heinz Gappmayr zählte auch zu den Teilnehmern, die mir ursprünglich mehr als eine Arbeit zusandten. Seine zweite Arbeit - und zur Frage, welcher Buchstabe es war, möchte ich nur den Hinweis geben: Heinz Gappmayr wusste in Sachen visuelle Poesie A-lles - wird am Anschluss an die Projektion des Alphabetbuches noch mitgezeigt, nicht nur als Ende, sondern auch als Anfang.
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